In da House Of Riddim: Sam Gilly im Interview

Bandleader, Studioboss und Labelchef Sam Gilly von House Of Riddim auf seinem Thron Foto: Goa Sunsplash, privat, z.V.g.
Bandleader, Studioboss und Labelchef Sam Gilly von House Of Riddim auf seinem Thron Foto: Goa Sunsplash, privat, z.V.g.

Heute kann sich jeder glücklich schätzen, dessen Unternehmen auf mehreren Standbeinen ruht. Hinter Sam Gillys „House Of Riddim“ steht ein Pro­duktionsteam, eine Live-Band, ein Tonstudio und ein Label mit Standort in Karlstetten. Von dort aus beliefern der House Of Riddim-Mastermind und sein Team seit über 15 Jahren die Welt mit Reggae Tunes.

Interview: Werner Harauer
Foto: Goa Sunsplash, privat, z.V.g.

City-Flyer: Was ist das House Of Riddim?

Sam Gilly: HOR ist ein Produktionsteam, eine Live Band, ein Tonstudio, ein Label, …

CF: Wem gehört das House Of Riddim?

Sam: “Gehört” im materiellen Sinn? Das Tonstudio gehört mir. Das Label wird von Manfred Scheer und mir betrieben. Der Rest ist einfach unser Team bestehend aus Manfred Scheer, Herb Pirker, Gerald Schaffhauser, Parvez Syed und mich.

CF: Wer ist Hannes „Papa“ Kerschner? Ein Musikerkollege von dir?

Sam: Hahaha … Paba, nicht Papa! Darauf legt er Wert! Das ist Ing. Hannes Kerschner. Ein Freund aus meinen musikalischen Anfängen. Der Trumpeter von Roots Vibration und immer noch als solcher aktiv.

CF: Wie hieß deine erste Band, bei der du mitgespielt hast?

Sam: Roots Vibration

CF: Waren es immer Reggaebands, bei denen du angeheuert hast?

Sam: Nein, damit hat im zarten Alter von 20 Jahren alles begonnen. Ich hab dann natürlich – wie jeder andere auch – alles gespielt was ging, von Rock, Funk, Pop, Blues…

CF: Die Besetzung der House of Riddim Band war lange Zeit fast ident mit jener der St. Pöltner Reggaeband Roots Vibration. Wie lautete die Ur-Besetzung?

Sam: Ich hab 2003 beschlossen die Band zu verlassen. Ich wollte etwas eigenes machen. Produktionen stemmen, die mit den elf Leuten von Roots Vibration nicht umsetzbar waren.
Bei den Recordings zum ersten HOR-Album hab ich natürlich auch auf die Musiker von Roots Vibration „zurückgegriffen“. Die erste Tour, also die Release-Tour 2004, sind dann Christoph Richter, Tom Hornek, Josef Grasl und Johannes Maria Knoll gefahren.

CF: Wurde es den altgedienten Herren zu stressig? Was war der Grund, warum die Besetzung nun eine ganze andere ist?

Sam: Christoph wurde nur für die Tour „angeheuert“. Nach, sagen wir mal, internen Differenzen, begab ich mich auf die Suche nach einem Bassisten und Keyboarder und das zwei Wochen vor einer gebuchten Tour. Da Manfred auch schon bei Roots Vibration das eine oder andere Mal „ausgeholfen“ hatte, war es naheliegend ihn zu fragen. Auf der Suche nach einem geeigneten Keyboarder stieß ich auf Parvez. Aber das ist eine eigene Story… lol…
2005 hatten wir dann schon echt viele Backing Jobs. Anfang 2006 beschloss deshalb Knolli den Dienst zu quittieren. Seitdem ist Herb der Gitarrist.
2012 wurde dann mitten in einer vierwöchigen Tour Gerald angeheuert. Ein fliegender Wechsel sozusagen …

CF: Die aktuelle Besetzung lautet also: Sam Gilly (dr.), Herb Pirker (guit.), Parvez Syed (keys), Gerald Schaffhauser (bass) und Manfred Scheer (bass). Dir scheint das Recorden und Touren nicht zu stressig zu sein.

Sam: Doch ist es …, also, 2020 nicht.

CF: Warum habt ihr zwei Bassisten?

Sam: Weil zwei Bassiten bässer sind 😉 Wie schon in der vorigen Frage erwähnt: Gerald ist seit 2012 dabei, da sich Manfred mehr auf seine Imkerei konzentrierte. Anfangs war Gerald als Substitut gedacht, der dann eigentlich 80% der Shows gespielt hat; und jetzt gibt halt Gerald die Termine an Manfred weiter, an denen er nicht kann.

CF: Du bist auch bei Stars wie Benjie und Raggamaffia an den Drums gesessen. Macht es einen Unterschied, bei bekannten Bands zu spielen? Empfängt man backstage mehr Aufmerksamkeit? Ein besseres Catering? Wohnt man in besseren Hotels?

Sam: Mit Größen wie zum Beispiel Anthony B., mit dem wir mittlerweile fast ausschließlich unterwegs sind, ist auch das Hotel besser und es ist auch meistens das vorhanden, was im Rider steht…

CF: Du hast viel mit Martin Scheer gemeinsam gemacht. Mastert er immer noch deine Studioproduktionen?

Sam: Ja, von Tag eins an! Ich glaube, die erste HOR-Platte war auch sein erster offizieller Mastering-Auftrag. Alle unserer Produktionen gehen immer zu ihm. Auch Fremdproduktionen oder Bands, die zum Recorden kommen, empfehle ich immer den Martin. Er ist unglaublich musikalisch, weiß was zu tun ist und gibt das unbezahlbare feature von ehrlichem Feedback.

CF: Wie viele LPs hat die House Of Riddim Band unter diesem Namen aufgenommen?

Sam: Zwei Alben, ein Doppel-Album und Berge von Singles.

CF: Seit wann gibt es die Band?

Sam: Seit 2004

CF: Darf man sich eine Backing Band so vorstellen wie die Funk Brothers, die Backing Band von Motown Records, die mehr oder minder alle Songs von Motown in den 60ern und frühen 70ern eingespielt haben?

Sam: Genau so …

CF: Kommen wir zum Tonstudio. Warum musste es ein Tonstudio sein?

Sam: Das ist eine lange Geschichte. Chris Scheidl brachte mich auf die Idee. Ich wollte produzieren und darum ein eigenes Studio haben. Es hat alles sehr klein begonnen … dann mit René Voak, der anfangs im Studio involviert war, wurde es größer … danach noch größer … usw …

CF: Das Tonstudio gibt’s seit 2004. Zur selben Zeit begann auch der Reggae-Boom in St Pölten. Hatte das eine mit dem anderen zu tun?

Sam: Nein

CF: Wie gehen die Bewohner mit den ausländischen Gästen um, wenn du sie in Karlstetten ausführst?

Sam: Ha, da gibt es Storys … anyway … alles gut … Da ist halt ein Studio und da gehen viele Menschen ein und aus … auch ausländische.

CF: In Corona-Zeiten könnt ihr internationale Künstler nicht einfliegen lassen. Arbeitet ihr jetzt vermehrt über’s Internet?

Sam: Also Mixing Sessions sind ja easy ohne den Kunden zu bewerkstelligen. Recordings über’s Netz sind überhaupt kein Problem. Jedes Bandmitglied hat sein professionelles Recording Setup daheim. Von daher alles leicht zu machen.

CF: Was ist so besonders an eurem Tonstudio, dass Musiker von weit her nach Karlstetten kommen? Habt ihr so tolle Technik hier stehen? Steht ein tolles Team dahinter? Was ist euer Geheimnis?

Sam: Natürlich gibt es ausgewählte Geräte und auch einen eigenen Sound. Aber ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung.

CF: Wenn man auf eurer Homepage die Discografie aufruft, werden dort irre viele Produktionen angeführt. Inwiefern haben die alle mit House Of Riddim zu tun?

Sam: Es sind mittlerweile über 1500 Kompositionen, nicht mitgezählt die Exclusive Recordings für andere Labels oder Künstler. Sie haben alle mit uns zu tun.

CF: Was passiert mit den Produktionen? Werden die alle digital veröffentlicht? Oder gibt es die auf CD oder Vinyl?

Sam: In den letzten Jahren werden Singles fast nur mehr digital veröffentlicht. Aber doch auch noch Alben auf CDs und Vinyl, was ich gut finde!

CF: Bei der Menge an Produktionen frage ich mich, wo der Markt dafür da ist. Wer kauft die?

Sam: Reggae ist eine Nischen-Musik, aber es gibt einen Markt. Vielleicht nicht in Österreich, aber es gibt ihn. Schau, von 100 Gigs im Jahr spielen wir sicher 95% eben nicht da.

CF: Hast du herausgefunden, was sich am besten verkauft? Wie hat sich das im Laufe der Jahre verändert?

Sam: Da ich mit unseren eigenen Produktionen wirklich nur am Reggae-Sektor daheim bin, kann ich dir nicht sagen, was sich am besten verkauft. Natürlich, je größer der Name, umso mehr Verkäufe. Wir haben vor 10 Jahren die letzte 7″ Vinyl gepresst, eben weil kein DJ mehr damit arbeiten wollte. Alben gehen schon noch physikalisch. Aber ich sehe es bei meinen Kindern: Die kaufen sich auf iTunes, Spotify usw. kein Album. Wieso auch, wenn nur ein Song interessant ist?

CF: Sind auch Produktionen dabei, die auf Single gepresst die jamaikanischen Dancehalls erreichen? Oder habe ich da eine romantische Vorstellung und es werden dort nur mehr files gespielt?

Sam: Wie schon gesagt, viele unsere Produktionen sind für jamaicanische Künstler/Labels/Produzenten. Aber Vinyl ist dort wahrscheinlich zum letzten Mal auf einen Dance 1999 aufgelegt worden … lol…

CF: Du bist auf Rootsreggae spezialisiert. Ich nehme an, der Markt dafür ist eher in Europa vorhanden.

Sam: Gar nicht! Der Markt ist weltweit vorhanden, aber eben als Nischenmusik. Nicht wie Hip Hop oder Metall.

CF: House of Riddim fungiert auch als Label. Wie viele Produktionen sind bisher auf dem Label erschienen?

Sam: Pfhuu … viele … sehr viele … , aber nur solche, wo wir zu 100% die Produktion gemacht haben.

CF: Was sind die Vorteile eines eigenen Labels?

Sam: Ungebundenheit! Im Reggae-Sektor sind die Zeiten, in denen dir ein Label Vorschüsse gibt und sich auf die Promo stürzt vorbei. Wahrscheinlich wie fast überall in der „Musiker-Mittelschicht“. Also wieso nicht gleich selber ein Label gründen?

CF: Ihr habt einen „World Wide Riddim“ veranstaltet. Von Albanien bis Simbabwe schicken Künstler Songs in ihrer Muttersprache. Schickt ihr ihnen zuvor die Riddims und sie singen dann dazu? Oder wie funktioniert das? Und läuft das Projekt noch?

Sam: Das war schon lange eine Idee von mir. In Zeiten von Internet ist ja das auch wirklich kein Problem. Die Künstler werden angeschrieben, der Beat gemailt, recorded, fast jeder macht ja das schon daheim, die files zurück geschickt, fertig gemacht und raus damit. Es sind jetzt genau 100. Irgendwie ist das Projekt auch eingeschlafen, weil uns die Künstler “ausgegangen“ sind. Es ist echt schwer, einen Künstler aus dem Vatikan zu finden 😉

CF: Was passiert mit den Songs? Wird es einen Sampler mit den besten Songs geben?

Sam: Die sind erstmals alle digital veröffentlicht. Einige der Songs sind auf Alben des jeweiligen Künstlers gelandet, andere auf Sampler.

CF: Wie schaut das Programm bis zum Jahresende aus? Bist du trotz Corona ausgelastet? Musstet ihr eine Tour absagen? Produktionen verschieben? Und wann geht’s wieder los?

Sam: Das Studio ist gut ausgelastet. Und die Live-Shows? Wir hatten am 13.März unseren Tourstart in Zürich und sind von ebendort am 14. wieder heim geflogen. Die Tour wurde abgesagt! Auch sämtliche Festivals, wie wir alle wissen. Angeblich geht es am 15. August langsam wieder los, was ich aber nicht glaube. Aber wir haben am 1. August eine „Online show“ mit Anthony B. live aus dem Freiraum STP.

CF: Wird es in absehbarer Zeit in der unmittelbaren Umgebung einen Auftritt der Band geben?

Sam: Nope, den hat es ja auch in der Vergangenheit nicht gegeben.

CF: Ich bedanke mich für das Interview.

checkt die Live Stream Show von Anthony B. & House of Riddim am 1. August 2020 im Frei.raum.
Tickets @ www.viewstub.com/anthonyb

Werner Harauer
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Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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  • Dieses Thema hat 1 Antwort und 1 Teilnehmer, und wurde zuletzt aktualisiert vor 2 Wochen, 1 Tag von Zillinger.
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      Zillinger
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      Sam, du Viech du 😉

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