Sebastian Schneider: Viennese Soul aus STP

Sebastian Schneider Foto: Johannes Schmutzer, z.V.g.
Sebastian Schneider Foto: Johannes Schmutzer, z.V.g.

Es ist erst einige Jahrzehnte her, als über die Qualität der Jazzmusik heftige Dispute geführt wurden. Die kritischen Stimmen sind längst verstummt, inzwischen hat Jazz die höchsten Weihen erhalten. Sebastian Schneider kümmern solche Distinktionskämpfe wenig. Er bewegt sich zwischen Jazz, populärer Musik und Klassik wie ein Fisch im Wasser.

Text: Werner Harauer
Foto: Johannes Schmutzer, z.V.g.

City-Flyer: Was verbindet dich mit St. Pölten?

Sebastian Schneider: In St. Pölten bin ich geboren, zur Schule gegangen und hier habe ich auch meine musikalische Ausbildung begonnen. Danach habe ich einige Jahre in Wien gelebt und dort an der Universität für Musik und darstellende Kunst studiert. Aktuell wohne und arbeite ich in St. Pölten und habe mir hier ein schönes Studio nach meinen Anforderungen und Bedürfnissen eingerichtet. Es ist mein kreativer Rückzugsort, wo ich komponiere, übe, aufnehme, produziere und mit anderen Künstler*innen zusammenarbeite. Ich liebe diesen Ort und bin sehr glücklich darüber, dass ich nicht mehr in Wohnzimmern oder Schlafzimmern etc. arbeite.

CF: Schneider ist ein Allerweltsname. Googelst du den Namen, erscheinen zahlreiche österreichische Künstler*innen. Du bist nicht verwandt mit Robert Schneider, dem ehemaligen Sänger und Gitarristen der Frisbee Flakes oder mit dem Wiener Sänger und Gitarristen Norbert Schneider?

Sebastian Schneider: Haha, nein. Ich bin mit niemanden der genannten Künstler verwandt. Du hast recht, es ist in der Tat ein im deutschsprachigen Raum sehr häufig vorkommender Name.
Zu Beginn meiner künstlerischen Laufbahn habe ich mich schon einmal gefragt, ob ein Künstlername nicht etwas für mich wäre und bin dann relativ schnell zu der Entscheidung gekommen, dass das nicht zu mirpasst und ich mich persönlich nicht hinter einem Synonym verstecken möchte. Außerdem treten Künstler im Jazz eher selten mit Künstlername in Erscheinung. Ich stehe zu meiner Musik und das mit meinem Namen.
Wie jeder habe auch ich mich schon mal gegoogelt und dabei eine unglaubliche Entdeckung gemacht. Es gibt sogar noch einen Musiker mit dem Namen Sebastian Schneider. Der lebt irgendwo in Südamerika. Vielleicht kontaktiere ich ihn einmal. Obwohl man sich seinen Namen ja nicht aussuchen kann muss ich sagen, dass ich mit meinem auch wenn er jetzt nicht „exotisch“ oder „catchy“ klingt sehr glücklich bin. Sobald du im Ausland bist, klingt der Name sowieso international. Hahaha.

CF: Du teilst die Links zu Videos in deiner Biografie in „Popularmusik“, „Jazz“ und „Klassik“. In welchem Genre fühlst du dich am wohlsten? In welchem bist du am produktivsten?

Sebastian Schneider: Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich einfach hinter dem Klavier sitze und Musik aus dem Bereich Jazz / Popularmusik spiele. In diesem Feld bin ich auch am produktivsten und dort liegt auch mein künstlerischer Hauptfokus. Im Umgang mit sämtlichen Keyboards und Synthesizern bin ich versiert, doch das Klavier ist immer noch das Instrument durch das ich mich am besten ausdrücken kann.

CF: St. Pölten ist nicht unbedingt eine jazzige Stadt. Genau genommen findet Jazz außerhalb des Jazz im Hof und ein paar Konzerten im Cinema Paradiso so gut wie nicht statt. Welches Publikum – das St. Pölten anscheinend nicht hat – braucht es, um Jazzkonzerte in der Stadt für Veranstalter attraktiver zu machen?

Sebastian Schneider: Das ist eine schwierige Frage. Der Standort St. Pölten hat es nicht leicht, da die Nähe zu Wien ein wesentlicher Faktor ist. Dort kannst du jeden Abend in ein Jazzkonzert gehen. Das Angebot ist einfach überwältigend und es wird von vielen Kultur interessierten St. Pöltner*innen genutzt. Die Konzertreihe und Formate, die Du genannt hast kommen super an und ich glaube, dass falls es entsprechend mehr Angebot gäbe, die Menschen es auch annehmen würden. Genau genommen ist das ganze Leben Jazz. Man hat eine ungefähre Route, improvisiert viel und es passiert einiges Unerwartetes. Das Leben ist dynamisch und emotional, genau wie die Musik auch. Deshalb glaube ich, dass Menschen – auch wenn sie kaum Berührungspunkt mit dem Genre haben – Konzerte aus diesem musikalischen Feld trotzdem sehr wertschätzen können. Unter der Voraussetzung die Künstler*innen schaffen es die Energie und die Emotion zu transportieren.

CF: Ich muss gestehen, ich kenne kaum eine/n Jazzer*in in stp. Ich kenne mich in der Jazzszene auch zu wenig aus, also muss ich mit den Fragen ganz von vorne beginnen: um ein anerkannter Jazzer zu werden muss ich eine Musikhochschule besuchen?

Sebastian Schneider: Ich glaube ich kenne auch niemanden. Vielleicht gibt es einige St. Pöltner*innen, die Jazz spielen? Falls sich jemand angesprochen fühlt meldet euch gerne bei mir, ich würde mich über einen Kaffeeplausch sehr freuen.
Um zurück zu Deiner Frage zu kommen: nein ich glaube nicht. Das Wesen von Kunst ist meiner Meinung nach akademisch nur schwer vermittelbar. An Kunst-Unis kann man – wenn man Glück und die richtigen Lehrenden hat – sein Handwerk lernen und verfeinern, wissend dass das ganze musikalische Leben ein Entwicklungsprozess ist. Manche tun sich leicht damit und können sich entfalten andere werden durch das universitäre Umfeld aber künstlerisch auch gehemmt. Mein Studienzeit war unglaublich schön und intensiv. Ich konnte viele wichtige Freundschaften und Bekanntschaften schließen. Es gibt ganz viele großartige Künstler*innen, die nicht institutionalisiert gelernt haben. Am Ende des Tages kommt es einfach darauf an was man kann, egal ob Autodidakt oder Absolvent einer Ausbildung. Obwohl man schon beobachten kann, dass heutzutage im High-end Jazzbereich – in der Klassik sowieso – die meisten studiert haben.

CF: Österreich ist, wenn man die Größe des Landes mitdenkt, international eigentlich eine Jazzhochburg. Warum?

Sebastian Schneider: Vielleicht, weil viele Künstler*innen in Österreich einfach kreieren was sie empfinden und nicht unbedingt auf populäres setzen. Ich würde sagen, dass man diesen Kunstspirit sehr deutlich in Österreich wahrnehmen kann. Jedoch ist das Land doch ein kleines, was sich in einigen Bereichen des Musikbusiness doch stark bemerkbar macht.

CF: Nachdem die Szene doch relativ überschaubar ist, wird sie auch gut vernetzt sein. Demnach dürfte es nicht sehr schwer sein, Kollaborationen auf die Beine zu stellen?

Sebastian: Absolut. Das ist wirklich schön. Man kann in einen Club gehen und trifft immer bekannte Gesichter. Es leben viele Weltklasse Musiker*innen in Wien und ich mag, dass man sich kennt und austauscht. Aufgrund dessen gibt es auch viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Allerdings ist mir persönlich am wichtigsten, dass die Chemie zwischen den Mitgliedern eines Ensembles passt, egal woher die Künstler*innen kommen.

CF: Du bist ein weit gereister Musiker und hast schon auf einigen Kontinenten konzertiert. Sind diese Auftrittsmöglichkeiten durch oben genannte Kollabos entstanden?

Sebastian: Ja ich würde sagen eines hat zum anderen geführt. Ich bin damals für einen Bekannten von mir eingesprungen, der aufgrund einer Musical-Produktion nicht konnte. In Folge dessen bin ich mit der Band Dusha Connection beim Havana Jazz Festival aufgetreten. Nach dieser Tour nahm mich der Band-Leader fix in die Band auf, dann sind wir ganz schön herumgekommen und hatten eine unglaubliche Zeit. Man lernt immer neue Leute kennen und es ergeben sich immer mehr Dinge. Seit letztem Jahr konzentriere ich mich mehr auf meine eigene Musik und habe die Side-man Tätigkeit etwas reduziert.

CF: Eine österreichische Pop-, Rock-, Metalband kann nur davon träumen in Hong Kong, China, Nepal, Mexiko, Kuba, Ägypten und auch in vielen europäischen Städten aufzutreten, wie du es tust. Hängt das damit zusammen, dass du dich in einer musikalischen Nische aufhältst, während man als Popmusiker in der Masse leicht übersehen wird?

Sebastian: Jazz ist ein globales Phänomen. Wenn man die paar Clubs und Festivals in Österreich gespielt hat kann man nur ins Ausland weiterziehen. Ich glaube auch nicht, dass es leichter oder schwerer ist als in einem anderen Feld, es ist einfach anders. Es ist wichtig zu wissen wo das Publikum ist um dann dort ansetzen zu können. Internationale Musikfestivals sind beispielsweise eine gute Möglichkeit um seine Musik im Ausland zu präsentieren und wir sind wirklich gesegnet, dass der Bund und die Österreichischen Kulturforen Künstler*innen bei der Internationalisierung ihres Schaffens unterstützen. Außerdem darf man nicht außer Acht lassen, dass eine Jazzproduktion technisch viel einfacher auf die Bühne zu bringen ist als ein Pop-Act, der mit viel Equipment anreisen muss.

CF: Deine letzte Veröffentlichung, das Album “Viennese Soul Vol. II”, das im Dezember 2023 erschienen ist, wird man im Plattenladen eher in der Abteilung “Populäre Musik” finden. Wo würdest du sie einschlichten?

Sebastian: Es ist eine farbenreiche Reise zwischen Pop und Jazz und schöpft aus dem Vollen der populären Musik.

CF: Ich hör da voll viel raus. Jazz, Funk, Soul, … Warum heißt das Album dann “Viennese Soul”?

Sebastian: Wien spielt für mich immer noch eine wesentliche Rolle. Als ich damals in die Bundeshauptstadt gezogen bin konnte ich endlich die Musik mit Musiker*innen spielen, die ich spielen wollte. Mein Leben ist musikalisch sehr bunt: das klassische Kirchenmusik Studium in den Teenagerjahren, meine Liebe zur Popmusik und zum Jazz. Das alles befindet sich in meiner Seele („Soul“) und diese stilistisch und musikalisch sehr diversen Ausdrucksweisen kommen bei dieser Album-Serie zum Vorschein. Die Stücke verkörpern immer eine Geschichte oder Emotion aus meinem Leben.

CF: Ich finde darin Anleihen aus den 70er Jahren. Was verortet das Album ins Jahr 2024.

Sebastian: Die Produktionsästhetik. Es klingt nicht wie ein Album aus den 70er Jahren. Ich kann mit Stolz sagen, dass ich mit Johannes Schmutzer, Dietz Tinhof und Martin Scheer einige der talentiertesten Tontechniker Österreichs daran gearbeitet haben und es klingt besser als ich mir es je erträumt hätte. Außerdem ist es meine persönliche Geschichte, die ich mit der Welt teile. Ich lebe im Hier und Jetzt, deshalb ist auch meine Musik ein Kind ihrer Zeit.

CF: Die Musiker*innen und Techniker, die am Album mitgewirkt haben, sind alle Kapazunder ihres Faches. Wie kommt man an so profunde Leute wie Miss BunPun, Mario Lackner, Julia Hofer, Johannes Dickbauer, Florian Eggner und die oben genannten Tontechniker?

Sebastian: Ich bin so extrem dankbar und glücklich sie alle bei dem Album an Bord zu haben. Mit den Musiker*innen verbindet mich eine musikalische und auch eine persönliche Freundschaft. Mit Miss BunPun und Julia Hofer habe ich gemeinsam studiert. Für Miss BunPun durfte ich auch immer wieder mal Keyboards im Studio für eine Aufnahme spielen. Mario Lackner unterrichtet an der Musikuni, wir haben uns angefreundet und immer wieder gemeinsam recorded. Ich bin Pianist in Johannes Dickbauers Quartett J.D.HIVE und mit Flo Eggner habe ich ein Konzert in Saalfelden gespielt und ihn dann daraufhin eingeladen. Für mich war klar, dass ich Menschen auf dem Album haben möchte, die mir menschlich viel bedeuten und die zu den Besten ihres Faches zählen, die dieses Land zu bieten hat. Bei der Musik möchte ich keine Kompromisse eingehen.

CF: Deine Vielseitigkeit reicht bis zu Drum’n’Bass (!). Du hast mit den Drum’n’Bass Duos Camo & Krooked und Dossa and Locuzzed zusammengearbeitet. Kanntest du die DJs und Produzenten weil sie wie du einen St. Pölten Bezug haben? Wie bist du an sie geraten?

Sebastian: Dossa und ich kannten uns von der Schule und so hat sich unsere Zusammenarbeit früher oder später ergeben, da wir beide musikalisch sehr aktiv sind. Camo & Krooked lernte ich über Christian Kolonovits kennen. Eines Tages läutete mein Handy und Christian war dran und hat mich eingeladen die Orgel im Wiener Konzerthaus bei den Red Bull Symphonic Konzerten von Camo & Krooked zu spielen. Mit den beiden habe ich später auch noch einmal zusammengearbeitet und bei „No Tomorrow feat. Sophie Lindinger“ (Red Bull Symphonic Rework) als Pianist und Co-Autor mitgewirkt.

CF: Du changierst zwischen den Musikgenres als wär das “jeden Musikers täglich Brot”. Wie schaffst du es, an einer Drum’n’Bass Produktion mitzuwirken und im Anschluss im Wiener Konzerthaus mit Seiler & Speer aufzutreten?

Sebastian: Ich liebe die Musik und bin von ihr durchdrungen. Genauso liebe ich die Vielfalt. Musik besteht im wesentlichen aus vier Parametern: Harmonie, Melodie, Rhythmus und Form. Je nach dem wie diese Elemente miteinander vermischt werden entsteht dabei eine Symphonie oder ein Schlager. Das spielen von unterschiedlichen Musikstilen ist vergleichbar mit dem Sprechen unterschiedlicher Sprachen. Ich bin sehr neugierig, lerne und entdecke sehr gerne. Wenn man gut zuhört und ohne Ego spielt findet man geschmackvolle Wege in verschiedenen Genres mitzuwirken.

CF: In welchem Radioformat ist “Viennese Soul Vol. II” gut aufgehoben? Die Kommerzsender kommen nicht in Frage, Radio FM4 war deine Veröffentlichung ganze zwei Sätze auf fm4.at wert. Auf Ö1 wurde über das Album gesprochen und Auszüge daraus gespielt. Ist Ö1 das Medium für “Viennese Soul”?

Sebastian: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welche Rolle das Radio als Format in der Zukunft spielen wird. Obwohl ich sehr hoffe, dass die beiden erwähnten Sender durchhalten werden, da ich ein großer Ö1 Fan bin. Der Sender leistet unglaubliche Arbeit, die für die österreichische Musik- und Kulturwelt von großer Bedeutung ist. Teile des Albums wurden auf beiden Sendern gespielt, worüber ich mich sehr gefreut habe. Am besten aufgehoben ist „Viennese Soul VOl. II“ meiner Meinung nach bei dem Sender Ö1.

CF: Wird es eine “Viennese Soul Vol.3” geben?

Sebastian: Definitiv! Es wird ein Collaboration-Album mit vielen Features werden. „Viennese Soul“ ist eine Reihe von Alben, die ich nicht plane live aufzuführen sondern ein Recording / Production Projekt, dass ich gerne mein Leben lang fortsetzen möchte. Man wird allerdings einige Zeit darauf warten müssen, da ich mich in den nächsten Jahren intensiv der akustischen Musik widmen werde. Dieses Jahr nehme ich ein Trio Album mit Nils Kugelmann am Bass und Michael Blassnig am Schlagzeug auf. Dieses Projekt wird dann auch auf Tour gehen und ich freue mich jetzt schon es der Welt präsentieren zu dürfen.

CF: Du hast im Jänner 2018 ein Konzert mit Musikerfreunden im Freiraum St. Pölten gegeben. Kannst du dir eine Wiederholung vorstellen?

Sebastian: Es ist wirklich schon eine Ewigkeit her, dass ich in St. Pölten aufgetreten bin, das fehlt mir. Ich hoffe, dass ich dieses Jahr mit meinem Trio oder mit J.D.HIVE in einem passenden Club spielen werde.

CF: Kann ja auch open air sein :-) Vielen Dank für das Interview.

„My Story Got Told“ aus „Viennese Soul VOl. II“
Vocals: Ursula Wögerer
Keyboards: Sebastian Schneider
Drums: Mario Lackner

Werner Harauer
Folge mir
Letzte Artikel von Werner Harauer (Alle anzeigen)

1 Review

Manfred Lagler

Write a Review

Schreib etwas dazu

Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

City-Flyer – die Stadt bei Tag und Nacht Foren Sebastian Schneider: Viennese Soul aus STP

Ansicht von 0 Antwort-Themen
  • Autor
    Beiträge
    • #54315 Likes: 0
      Werner
      Administrator
        16 Likes

        Wenn dir der Eintrag “Sebastian Schneider: Viennese Soul aus STP” von werner gefallen hat, gib ihm ein “Like”. Wenn du mehr über den Autor erfahren willst, so klicke auf sein Profil. Wenn du etwas ergänzen willst, LOG DICH EIN und schreib einen Kommentar.

    Ansicht von 0 Antwort-Themen
    • Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.