Sibylle Berg – GRM Brainfuck

Ort des Geschehens im ordentlich deftigen Roman von Sibylle Berg ist zuerst das englische Rochdale, ein heruntergekommener Ort in der Nähe von Manchester, dann London. Ihre Protagonisten sind vier Kinder, die sich ohne Erwachsene durchschlagen: Don, Peter, Karen und Hannah. Sie alle haben bereits das Leben von der lieblosen Seite kennen gelernt. Ganz besonders brutal ist das Schicksal von Peter. Er ist Autist und wurde von seiner Mutter wegen eines reichen Russen in der Wohnung zurück gelassen. Bevor sie dort einzogen, waren sie in einem Migranten-Lager einquartiert. Eines Nachts, als seine Mutter in der Arbeit war, wurde Peter vergewaltigt.

Um sich vom Schrecken der Welt abzuschirmen hören die Kids Grime, eine in den frühen 2000er Jahren in London entstandenen Musikrichtung, die u.a. eine Mischung aus HipHop, Garage und Dancehall ist. Grime bedeutet auf deutsch Schmutz und wird mit GRM abgekürzt (daher der Titel des Buchs). Die Vier leben in einer ehemaligen Fabrikshalle und erstellen Listen, auf die sie die Namen derer schreiben, die ihnen Leid zugefügt haben und an denen sie sich rächen wollen. Das London in dem sich die Freunde befinden ist voller Überwachungskameras zum Sammeln biometrischer Daten, das Trinkwasser wurde privatisiert und lässt man sich einen Chip einpflanzen (der natürlich ebenfalls der Überwachung dient), bekommt man vom Staat eine Grundsicherung. Und auch gestorben wird oft in diesem trostlosen London.

An einigen Stellen ist dieser literarische „Höllentrip“ zwar etwas zu schrill geraten, jedoch ist Berg auch damit ein sprachlich sehr kluges und packendes Werk gelungen. Es zeigt deutlich, in welch kranken Welt wir uns schon jetzt und in naher Zukunft befinden. Denn das von Berg in England angesiedelte digitale Bewertungssystem wurde in China bereits 2014 versuchsweise in der Küstenstadt Rongcheng angewendet und bis 2018 stark ausgeweitet. Ab 2020 soll dieses nun flächendeckend zum Einsatz kommen. Wer sich dort nicht vorbildlich genug verhält, dem werden im „Social Credit System“ Punkte abgezogen. „Sünden“ (bei Rot über die Straße laufen, nicht vor einem Schutzweg anhalten, jemanden den Sitzplatz in einem Öffi wegschnappen) werden bestraft, indem das Reisen per Flugzeug oder Schnellbahn den betroffenen Personen einfach verboten wird.

„GRM“ nimmt die Leserschaft ordentlich in die Mangel, Schonung gibt es nicht. In einem Roman von Sibylle Berg erwartet man das aber ohnehin nicht.

Sibylle Berg „GRM Brainfuck“
KiWi | 2019
634 Seiten | € 25,70
Bewertung: 4/5

 

Claudia Zawadil

Claudia Zawadil

Dipl. Ing. (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Bücherwurm, Vinyl-Lover und Gartenfee.
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Über den Autor

Claudia Zawadil
Dipl. Ing. (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Bücherwurm, Vinyl-Lover und Gartenfee.

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