Sibylle Berg – RCE

 

 

 

 

 

 

 

 

In Sibylle Bergs genialem, sehr zynischen Roman trifft Dystopie auf reale Antagonisten der Tech- und Finanzwelt und lässt zornige Computer-Nerds einen Super-Hack gegen den Kapitalismus starten.

Das Leben der meisten Menschen in Europa ist düster und monoton. Nur mehr wenige können sich ein Eigenheim leisten, hauptsächlich leben sie in „Clusterwohnungen“ oder „Work-Sleep-Places“. Um die Umwelt zu schonen, werden Energie und Wasser rationiert. Der Alltag der Menschen ist von Angst vor Job- und Wohnungsverlust geprägt. Diese gravierenden Einschränkungen betreffen natürlich nicht die (Super)Reichen.

Die fünf junge Nerd-FreundInnen Ben, Kemal, Maggy, Pavel und Rachel sind bereit für eine weitere digitale Revolution und planen mit Hilfe von Gleichgesinnten aus ganz Europa einen groß angelegten Hack auf die Banken. Sie haben sich in Containern in einem abgelegenen Dorf im Tessin zurückgezogen, um von dort aus mittels „Remote Code Execution” (RCE) in fremde Computer einzudringen und lassen in Videos mit Deepfakes Prominente Wahrheiten, aber auch Verschwörungstheorien verkünden. In Umlauf gebracht wird auch eine RCE-App und -Serie, um die Menschen gegen die Machenschaften der Megakonzerne und Superreichen (deren reale Namen genannt werden) aufzubringen.

Jede/r der HackerInnen hat eine Aufgabe zu erfüllen, jene von Maggy ist es, Züge mit Lebensmittel in ärmere Länder umzuleiten und Waffenlieferungen im Nirgendwo verschwinden zu lassen. Einer der jungen Menschen verliert im Kampf gegen die Ungerechtigkeit sein Leben. Doch auch wenn dies eine düstere Geschichte ist, ein zartes Flämmchen Verliebtheit durchbricht die Dunkelheit, wenn zwischen zwei Nerds zarte Funken sprühen.

Berg schreibt in ihrem anspruchsvollen Roman, der die Fortsetzung zu „GRM Brainfuck“ (2019) und der 2. Teil ihrer Trilogie ist, in gewohnt zynisch-ironischer Sprache und taucht dabei tief in die Welt der Computer-Hacker ein. Sie nimmt sich auch in RCE kein Blatt vor den Mund und spart nicht mit Kritik an der EU, dem heutigen Journalismus und Anderen. Für ihre Recherchen hat die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Dramatikerin mit über 100 WissenschaftlerInnen und Nerds Gespräche geführt. Als Hilfestellung befindet sich am Ende des Buches ein Glossar zu den technischen Begriffen.

Wer den bitterbösen Klang in Sibylle Bergs Literatur liebt, sich nicht vor dystopischer (oder eigentlich schon realer) Gegenwart fürchtet und eine kraftvolle Auflehnung gegen den digitalen Kapitalismus erleben möchte,
der sollte sich unbedingt in dieses Abenteuer stürzen.

Sibylle Berg – RCE
Roman | Kiepenheuer & Witsch, 2022
694 Seiten | € 26,80

 

Claudia Zawadil
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Claudia Zawadil
DI (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Arthouse Cinema-Fan und Vinyl-Lover.
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      miss_marple
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