Stressfrei flanieren am Höfefest 2019

Die Mundart-Band Opfekompott am Höfefest 2019 im Turek-Hof. Foto @ Claudia Zawadil für den City-Flyer

REVIEW + PICS: Meine ganz private Losung für das Höfefest 2019 lautete: weniger ist mehr! Was aber wählen, bei einem so dicht gedrängten Programm mit so vielen interessanten Künstlern?

Als Patrizia Liberti das St. Pöltner Höfefest vergangenes Jahr aus dem Dornröschenschlaf weckte, waren nicht wenige kulturaffine Leute erleichtert, war das zuvor von Daniela Wandl geleitete innerstädtische Kulturfest vor dessen Einstellung doch eines der Vorzeige-Veranstaltungen der Stadt.
Nun also das zweite Höfefest unter der Ägide von Liberti. Und wieder hat sie es geschafft, die Hofbesitzer auf ihre Seite zu ziehen und einen Tag lang ihre privaten Höfe für Künstler und Publikum zu öffnen. Wieder ist es ihr gelungen, ein vielfältiges und anspruchsvollen Programm mit nationalen und internationalen Künstlern zusammenzustellen, dabei neue Akzente zu setzen und neue Ideen einzubringen.

Am Samstag, 28. September haben am Höfefest 2019 24 Acts von 14 Uhr bis in die frühen Nachstunden in 15 Locations ihr Programm präsentiert. Als erste Neuerung stand schon am Vorabend mit Please Madame die erste Band im Cinema Paradiso auf der Bühne, wo auch Felix Kramer als letzter Act am nächsten Tag das 22. Höfefest offiziell beendet hat.

Ich nahm mir für meinen x-ten Besuch des St. Pöltner Höfefestes erstmals vor, die Sache etwas gelassener anzugehen. In der Regel erstelle ich einen Zeit- und Wegplan, um möglichst alle mir interessant erscheinenden Artisten zu sehen, was – wie ihr euch denken könnt – wenig kulturellen Genuss, dafür umso mehr Gehetze und vorzeitig verlassene Konzerte zur Folge hat.
Auf gut Glück von einem Platz in den nächstbesten Hof flanieren, wie es der durchschnittliche Besucher bei einem Gratisfest zu tun pflegt und sicher nicht schlecht dabei fährt, wollte ich auch nicht. Daher: ein Plan musste her, aber radikal gekürzt und mit ausreichend Zeitpolster versehen. Sinikka Monte, Opfekompott, Paul Zauners Sweet Emma Band und zum Abschluss Mirkovic & Sass müssten sich stressfrei ausgehen. Na dann los!

Sinikka Monte und Band begannen eine Viertelstunde verspätet, was mir zwar die Gelegenheit gab, einen Kaffee und eine ausgezeichnete Mehrspeise zu konsumieren, während ich mit Bekannten quatschte, allerdings meinen Zeitplan gleich zu Beginn durcheinander brachte.
Der Steingötter-Hof war um 15 Uhr bereits sehr gut gefüllt und ich sah zum letzten Mal junge Menschen vor der Bühne. Sie jubelten Sinikka zu und hielten ihren Auftritt per Handy fest. Die Band um Albert Mair an den Keyboards spielte die von Sinikka komponierten Songs souverän, während die 17-jährige Sängerin die richtigen Moves zu ihrem Gesang suchte. Routinierte Sängerinnen treffen nicht nur jeden Ton, was der jungen Popsängerin aus St. Pölten zweifelsohne gelang, sie bewegen sich auf der Bühne auch ganz natürlich (obwohl alles einstudiert) und vergessen nicht auf den Blickkontakt mit dem Publikum. Zugegeben keine leichte Aufgabe, welche Sinikka aber mit jedem Auftritt leichter fallen wird.

www.sinikkamonte.com

Samstag war’s, der Wochenendeinkauf musste auch noch erledigt werden. Rasch mit dem Auto in den Supermarkt, bevor es mit Opfekompott im Turek-Hof weiterging. Das trockene und warme Wetter hatte inzwischen eine Menge Schaulustige samt ihrer Autos in die Innenstadt getrieben, was die Parkplatzsuche bei meiner Rückkehr erheblich verlängerte.
Als ich in den Hof am Herrenplatz eintraf, war dieser zum Bersten gefüllt. Ich stand also im Eingangsbereich und durfte der Laune der Zuschauer nach zu urteilen schon die eine oder andere Wuchtl versäumt haben. Eben erfuhr ich eine weitere Pielachtaler Anekdote, die sich genau so zugetragen haben soll und die Leute krümmten sich vor Lachen, bevor der nächste Song startete.
Musikalisch bewegen sich Opfekompott zwischen Folk, Rock, Jazz, Blues und einem Schuss Volksmusik, die die Moritaten in Mundartgesang begleiten. Die große musikalische Spannweite ergibt sich von selbst, wenn man sich die Besetzung hernimmt. Sie reicht von Erich „Urne“ Kirchner, den wir als Schlagzeuger aus diversen Metalbands kennen, bis zu Toni Burger an der Violine, der bei verschiedensten österreichischen Formationen mitwirkt, die bis in den Jazz reichen. Die musikalische Essenz, die Opfekompott aus den unterschiedlichen Einflüssen destilliert, klang aber nicht eklektisch zusammengeworfen sondern authentisch und originell.

www.opfekompott.at

Wechsel in den Hof des Stadtmuseums, in dem um 18 Uhr Paul Zauners Sweet Emma Band zu hören war. Der Bandname und das Programm nehmen Bezug auf die aus New Orleans stammende und in den 1980ern verstorbene Pianisten- und Sängerinnen-Legende Sweet Emma Barren aka „The Bell Gal“.
Mein Bild von der Musik in New Orleans und dem Mississippi Delta in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts dürfte nicht ganz den Tatsachen entsprechen. Meine Erwartungen tendierten in Richtung wilde Jazz-Party, Vooddoo-Blues-Geheule, vielleicht gewürzt mit einer Zydeco-Einlage. Na gut, so toll hätte es das Quartett nicht treiben brauchen. Aber auch vom angekündigten Groove eines Hugh Masekela oder Keith Jarrett war nicht viel zu bemerken. Der warme Sound von Jan Korineks Hammond Orgel ließ ein wenig exotische Nostalgie aufkommen, sonst klang mir das Konzert viel zu brav. Den Beifallsbekundungen der vielen anderen Zuhörer zu folgen, zogen diese einen anderen Schluss.

Macht nichts, man hat ja Alternativen. Zum Beispiel die Polit-Show „Niemand nennt uns Mizzi“ von Nikbakhsh & Oppitz, die zeitgleich in der Bühne im Hof stattfand. Ich musste mich rein reklamieren, nachdem ich zu spät kam und die Sitzplätze restlos belegt waren.
profil-Journalist Michael Nikbakhsh und Satiriker und „Wir sind Kaiser“-Autor Klaus Oppitz packten die heimischen Politiker dort, wo es ihnen am meisten weh tut: wenn man sie mit ihren eigenen Aussagen im Wahlkampf konfrontiert, in dem sie die allerschönsten und teuersten Dinge versprechen … und diese nicht einhalten (können).
Die Show lief in Form eines Quiz ab. Die Zuseher wurden mit Aussagen eines vorerst anonymen Politikers konfrontiert und im Anschluss gefragt, von wem aus drei zur Auswahl stehenden Politikern das Zitat stammte.
Oder umgekehrt: wir sahen einen Filmausschnitt mit einem Journalisten, der einem Politiker eine Frage stellte und wir mussten aus drei möglichen Antworten jene wählen, die der Politiker erwiderte. Wir konnten sicher sein – die abwegigste Antwort war die richtige. Eine gut gewählte Alternative, die ich als politisch interessierter Mensch gleich auf meine To—Do-Liste schreiben hätte sollen. So sah ich nur die letzten zwei Sketches.

Nach einer scharfen Pizza im Pepe Nero, auf die ich eine gefühlte Ewigkeit gewartet und die ich aufgrund der stumpfen Messer noch länger verzehrt hatte, ging es gestärkt in den Adam-Hof zu Nataša Mirković und Jon Sass. Mirković stand zuvor bereits mit dem Projekt „From Händel to Hendrix“ mit der Lautistin Lee Santana im Steingötterhof auf der Bühne.
Die Huldigung der beiden Künstler im Höfefest-Folder war nicht übertrieben. Tatsächlich kann man der Darbietung der Beiden das Prädikat „Weltklasse“ verleihen. Wie Jon Sass mit seiner unverwechselbaren Spielweise auf der Tuba den 1971er Soulhit „Whats’s Goin’ On“ von Marvin Gaye interpretierte, hinterließ einen bleibenden Eindruck. Ich hatte das Gefühl, Mirković sang den Text der Protestballade fast „a cappella“, so verhalten blies Sass in die Tuba. Und zum ersten Mal achtete ich so richtig auf den Text … ein genialer Song genial interpretiert in einer Umgebung, die schöner nicht sein könnte, unter Zuhörern, die die Qualität des eben Erlebten zu schätzen wussten. Kein Wunder, dass das Publikum die beiden Künstler nach der zweiten Zugabe nur aus Anstand gehen ließ. Mirković und Jon Sass waren für mich das absolute Highlight am Höfefest.

Nächstes Jahr am 20. September gerne wieder am Höfefest 2020 und wieder mit der Losung: weniger ist stressfreier.

( Impressionen vom Höfefest 2018 )
( Interview mit Patrizia Liberti )

 

Galerie mit 64 Pics (c) Claudia Zawadil Du musst eingeloggt sein, um die Bilder sehen zu können!

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    Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.
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