Walter Göbel blickt auf 20 Jahre “Underground”

Walter Göbel
"Underground"-Herrscher Walter Göbel. Foto: privat

20 Jahre “Underground” ist für Walter Göbel ein triftiger Grund zu feiern. Aber wie feiern in Zeiten wie diesen?

Eine Horrorvision: Das Underground wird 20 und keiner geht hin. Genau das ist eingetreten, weil Corona dem Lokalinhaber Walter Göbel einen fetten Strich durch die Rechnung machte und die für Ende April geplante Geburtstagsparty im Frei.raum abgesagt werden musste. Die Vorstellung, die Geburtstagskerzen in den eigenen vier Wänden allein ausblasen zu müssen, lässt selbst Walters Bass während unseres Telefoninterviews unsicher klingen.

„Ich bin in den letzten 20 Jahren unzählige Nächte im Underground gestanden. Jetzt darf ich mein Lokal nicht mehr aufsperren und zuhause fällt mir die Decke auf den Kopf“, bellt der stets taffe Lokalbesitzer ungehalten ins Telefon. Ausgangssperre! Corona macht’s möglich. Macht’s möglich, den nächtlichen Hotspot in ein Geisterhaus zu verwandeln; macht’s möglich, unser geplantes Interview jetzt über Telefon führen zu müssen.

Dabei ist der Kopf der „Schwarzen Brut“ Kummer gewöhnt. Schon das im Vorjahr verordnete Rauchverbot in Österreichs Lokalen goutierte seine Stammklientel wenig, oft standen mehr Gäste rauchend vor dem Lokal als an der Bar. Der überraschende Lockdown vereitelt jetzt auch noch die Pläne für die Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen des Lokals. „Die Veranstaltung war für 25. April im Frei.raum vorgesehen. Aus heutiger Sicht glaube ich nicht mehr, dass Konzerte in nächster Zeit wieder erlaubt sein werden“, klingt Walter wenig zuversichtlich.

Wie es im einundzwanzigsten Jahr mit dem Lokal weitergehen soll, ist dem sonst so coolen Wirten momentan ein Rätsel. „Niemand weiß, wie lange die Corona-Krise andauern wird. Muss ich Wochen oder Monate von meinem Ersparten leben?”, fragt mich Walter am Telefon und: „Ich zähle auf die staatliche Unterstützung, die uns Lokalbesitzern von der Regierung in Aussicht gestellt wird“, sagt einer, der sich sonst lieber die Zunge abbeißen würde, als um fremde Hilfe zu bitten.

Zurück zum Anfang

Als Walter im April 2000 mit seinem Lokal von Melk nach St. Pölten in das ehemalige Beisl von Anton Schopp zieht, sind nicht wenige eingesessene Wirte skeptisch, ob das eigenwillige Konzept aufgehen kann. Doch die Location Ecke Josefstraße Schulring entwickelt sich schnell zum idealen Asyl für Weltverbesserer und Zeittotschläger, die bis in die frühen Morgenstunden Unterschlupf in Walters Reich finden. Ob Bauarbeiter oder Doktor: sobald sie über kaum beleuchtete Stufen in den Bauch der Josefstraße 1 steigen, sind sie alle gleich und ergeben sich ehrfürchtig dem strengen Regime des Hausherrn. „Wenn du das erste Mal ins Underground kommst, fängst du dir ein Virus ein, das dich immer wieder kommen lässt“, lacht Walter schelmisch aus dem Hörer. Außerdem findet Walter mit Reini Reither (Stormbringer), Christian „Mecki“ Dörr (Epsilon) und Wolfgang Matzl (Frei.raum) bald prominente Förderer und Unterstützer, „bei denen ich mich, neben meinen Stammgästen, ganz herzlich bedanken will.“

Das Lokal ist durchdrungen von der Persönlichkeit und vom morbiden Geschmack des stämmigen Gastronomen. Sein Faible für die Farbe Schwarz und die dunkle Seite des Lebens wird in jedem Winkel des Lokals zelebriert. Die „Infizierten“ sind mit ihm und dem Lokal mitgewachsen. Die „Underground-Familie“ begleitete den Szenewirten auf seiner musikalischen Reise, die im Crossover ihren Anfang nahm, zum Metal führte, den es in allen Spielarten zu erkunden galt, inklusive Abstecher in den Blues und Jazz. Nahezu alle stp-Metal-Bands hatten dort ihre Homebase und haben schon einmal auf der improvisierten Bühne gespielt. Die regelmäßig stattfindenden Jam-Sessions sind Legende.

Und die Zukunft?

Der Höhepunkt der Metal-Euphorie scheint überschritten, die treuen Wegbegleiter sind älter geworden, haben sich verpartnert, haben vielleicht auch Kinder und sind nur mehr sporadisch zu Gast. Also wird vorsichtig versucht, sich zu öffnen und neue Wege zu gehen. Der Literat Thomas Fröhlich organisierte kürzlich einen Leseabend mit Pulp-Literatur, zum Blues-Donnerstag soll sich eine Electronic-Club-Night mit Andi „Lichtfels“ Fränzl als Host gesellen, … „Ideen gibt es viele. Das Underground ist im Moment das einzige St. Pöltner Lokal, das ich in den späten Nachtstunden gerne besuche“, streut Lichtfels dem Kellergewölbe Rosen.

So wie er, bangen viele Nachtschwärmer um den Sieg über das Virus und die baldige Wiederauferstehung des Underground. „Bangen“ zählt nicht zum Vokabular von Walter. Auf die Frage, ob er Angst vor Corona hat, gibt er trocken zurück: „Keine! Weil das Virus bin ich.“

facebook.com/underground.stp/
FB-Gruppe: „UG Memories
Das ursprünglich geplante Interview mit Walter Göbel wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

Auf der Startseite findet ihr ganz unten in unserer Rubrik “Blickfang” ein Foto von Walter Göbel mit einigen Stammgästen. Schenkt ihm einen Kommentar!

Werner Harauer
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Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

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