wasteland2570: Spielend in die Apokalypse

wasteland2570: Aeons Of Ashes besprechen im sicheren Bunker die notwendigen Schritte für das Überleben. Foto © IzaquielTomé Photography, z.V.g.
wasteland2570: Aeons Of Ashes besprechen im sicheren Bunker die notwendigen Schritte für das Überleben. Foto © IzaquielTomé Photography, z.V.g.

AEONS OF ASHES – eine Death-Metal Band taucht ab ins Spiele-Universum und will uns ins ”wasteland2570″ führen. Eine Metal-Band, die ihre Texte, ihre Musik, ihre Kleidung nach einer eigens erfundenen apokalyptischen Geschichte aus­richtet, die die Fans weiterspinnen und die somit Einfluss auf die Musiker nehmen? “wasteland2570” macht’s möglich. Wir lassen uns von Bandleader Tim Sklenitzka erklären, was es mit “wasteland2570” auf sich hat.

Interview: Werner Harauer
Foto: Izaquiel Tomé Photography

City-Flyer: Ihr habt ein interaktives Rollenspiel entwickelt, das in Wechselwirkung mit der Musik von Aeons Of Ashes treten soll. Erzähl uns erstmal, welche Arbeit zu bewältigen war. Habt ihr eine fiktive Geschichte verschriftlicht? Eine interaktive Homepage gebaut?

Tim Sklenitzka: Das ganze Projekt ist eher organisch gewachsen, als dass wir es am Reißbrett konzipiert hätten. Am Anfang wusste niemand, wo uns der Weg hinführen wird. Ausgegangen ist alles von der vagen Idee, dass wir unseren Fans mehr bieten wollen als die gefühlt tausendste, irgendwo austauschbare Metalshow. Wir wollten Konzertbesuchern die Möglichkeit geben, tiefer einzutauchen. Die Storys und Emotionen hinter unserer Musik auch auf anderen Ebenen zu erleben.
Jeder aus der Band hat dann beigetragen, wozu er sich berufen gefühlt hat: Jorgo hat sich mit der Herstellung postapokalyptischer Outfits befasst. Mexx hat Stageriser mit eingebauten Nebelmaschinen und programmierbaren LEDs gebaut, Georg die Grafik geliefert, Clemens Videokulissen gebaut usw. So hat ein Rädchen ins andere gegriffen und sich eine Eigendynamik entwickelt.
Bis zum ersten Auftritt waren in Summe schon mehr als 1.000 Arbeitsstunden ins wasteland2570 geflossen. Und so ist etwas wie ein interaktives Kunstprojekt entstanden – und auch weiterhin am Entstehen. Die Website war in anfangs neben unserer Bühnenshow natürlich einer der zentralen Punkte. Wichtiger als eine fertige Geschichte war es, das grundlegende Setting zu etablieren. Der Rollenspielfaktor ist dann nach und nach eingeflossen.

City-Flyer: Welche Rolle spielen eure Hörer? Wie können sie Einfluss auf die Geschichte nehmen?

Tim: Jeder, der sich für Rollenspiel, Geschichten, Metal oder Underground-Videoprojekte interessiert, ist eingeladen, Teil unserer Welt werden und diese mitgestalten. Man kann einen Charakter im Pen&Paper-Rollenspiel verkörpern, Blogeinträge schreiben, in Videodrehs performen und vieles mehr.
Am Anfang mag das alles sehr verwirrend und undurchschaubar wirken. Aber ist nicht das auch genau der Eindruck, den man beim Erwachen in einer unbekannten Welt erwarten würde? Neueinsteiger begleiten wir gern auf ihren ersten Schritten, und versuchen gemeinsam herauszufinden, wie jemand am besten ins wasteland passt und wie er oder sie sich im Projekt am besten verwirklichen kann.
Für Fragen oder ein unverbindliches „Hineinschnuppern“ haben wir auch eine Facebook-Gruppe ins Leben gerufen. Natürlich kann man aber auch weiterhin unsere Musik hören und unsere Shows besuchen, ohne tiefer ins wasteland vorzudringen.

CF: Welche Auswirkungen hat der Fortgang der Geschichte auf die Musik? Verändert ihr bestehende Songs mit dem Fortlaufen der Geschichte, wenn ihr es für erforderlich haltet? Oder berücksichtigt ihr bestimmte Spielsituationen beim Komponieren zukünftiger Songs?

Tim: In einem unserer neuen Songs gibt es tatsächlich einen längeres Intro, über das ein „Erzählerpart“ gelegt wird, der sich von Show zu Show verändert. Aber das komplett durchzuziehen wäre weder umsetzbar noch wünschenswert. Und die bestehenden Songs bleiben natürlich wie sie sind.
Im Wesentlichen haben wir in den letzten Monaten gemeinsam unseren „wasteland-Sound“ gefunden. Und gelernt, das Storytelling bewusst ins Songwriting miteinzubeziehen. Das war eine vollkommen neue Herangehensweise, die faszinierenderweise extrem gut funktioniert hat. Meine neuen Texte spielen auch allesamt im wasteland. Gleichzeitig ist mir aber wichtig, dass sie auch losgelöst davon funktionieren.

CF: Ihr reagiert assoziativ auf die sich entwickelnde Fantasiewelt. Beruft die Band regelmäßig einen Rat ein, um den status quo zu besprechen?

Tim: Mehr oder weniger, ja. Wir integrieren das in unsere Bandproben – da gibt es in Pausen dann Updates, was sich in letzter Zeit im wasteland getan hat.

CF: In einem Rollenspiel gibt es in der Regel einen Spielleiter. Wer ist das?

Tim: Die ersten Abenteuer habe ich geleitet, sei es mit den Spielern am Tisch oder im Videochat. Ein erklärtes Ziel ist aber, dass es mehrere Spielleiter gibt, die ihre eigenen Gruppen „meistern“ und betreuen. Am Handwerkszeug, das sie dafür brauchen – Regelwerk, Zufallstabellen, Szenarios etc. – arbeiten wir gerade.

CF: Musste es unbedingt ein postapokalyptisches Szenario als Grundlage eurer Fantasiewelt sein? Ist Death-Metal postapokalyptisch?

Tim: Postapokalyptische Elemente haben schon das Artwort unseres Debütalbums „Shutdown“ geprägt, das 2014 erschienen ist. Von daher war das ein Thema, das uns als Band irgendwie schon immer begleitet hat. Die (Post-)
Apokalypse kann ja auch etwas Befreiendes an sich haben, und Metal hatte für mich immer etwas Befreiendes.
Es gibt sogar ein Subgenre, das sich „post-apocalyptic death metal“ nennt. Von daher passt das schon gut zusammen. Hätten wir eine Hippiekommune der 60er Jahre oder ein mittelalterliches Kloster als Setting für unsere Performance gewählt, wäre es wohl weniger stimmig. Auch spannend, aber da passt unsere Musik einfach nicht hin.

CF: Besteht nicht die Gefahr bei so viel tatsächlichem Chaos und Schrecken in der realen Welt, dass die Menschen müde werden und in ihrer Freizeit nicht noch mehr „Apokalypse” sehen, hören, spüren wollen?

Tim: Ich glaube Dunkelheit, Chaos, Gefahr und Tod haben immer schon eine große Faszination auf die Menschheit ausgeübt. Das wird sich auch nicht ändern. Sonst würden auch düstere Filme, Serien, Romane, Comics nicht funktionieren. Oder viele uralte Mythen und Legenden. Und um spannende Geschichten geht es ja auch bei uns.
Außenstehende fragen mich manchmal, warum denn bei uns alles so dark sein muss – im Metal generell, und speziell im wasteland2570. Ich antworte dann gern: Nur wer die Dunkelheit kennt, kann das Licht wirklich schätzen.
Die bewusste Beschäftigung mit den dunklen Anteilen der eigenen Psyche hat ja z.B. C.G. Jung auch als „Schattenarbeit“ bezeichnet – also das ganz wichtige Integrieren abgespaltener oder unterdrückter Persönlichkeitsanteile. Und ich glaube, der typische Metalhead in dieser Hinsicht wesentlich weiter als jemand, der nur seine vermeintlich heile Welt im Schlager wiederfinden möchte und vor allem anderen die Ohren verschließt.

CF: Die meisten Künstler legen Wert auf Authentizität und die Hörer fordern das von ihnen auch ein. Wenn ihr auf der Bühne als Kunstfiguren agiert, seht ihr euch dann in der Tradition von Kiss, Iron Maiden, … ?

Tim: Mehr in der Tradition von Mötley Crüe. Fun Fact dazu: Wir hatten alle gerade den Film „The Dirt“ gesehen, als die Idee zu wasteland entstanden ist. Dieser Grundgedanke, dieses „Wir wollen dem Publikum mehr bieten als nur Musik“, hat das wasteland dann wohl wirklich ein bisschen mitinspiriert. Nur unsere Umsetzung war eine komplett andere. Wir haben die Idee dann umformuliert zu „It’s all about the experience“.
Zur Authentizität: Warum sollte eine Kunstfigur weniger real sein als das von der Musikindustrie glattpolierte Image eines Künstlers? Ich glaube, so gut wie jeder Musiker hat eine eigene „Bühnenpersönlichkeit“. Er oder sie verkörpert eine gewisse Rolle, die sich von der Alltagspersönlichkeit unterscheidet – wenn auch vielleicht unbewusst.
Unserer, für das wasteland geschaffenen, Rollen sind wir uns dagegen vollkommen bewusst. Weil die als eigene Charaktere „generiert“ worden sind, wie man im Rollenspiel-Genre sagt. Und für das Publikum ist jederzeit klar ersichtlich, mit wem sie es gerade zu tun haben. Von daher ist eine Kunstfigur vielleicht sogar ehrlicher, da die Verwandlung klarer abgegrenzt ist …

CF: Welche Rolle kommt dem Publikum zu? Welche Möglichkeiten hat es, Einfluss auf die Charaktere zu nehmen?
Und wie funktioniert das auf der Bühne? Werden die Hörer vor der Bühne miteinbezogen? Sind die Handlungen zuvor mit den interagierenden Zuschauern abgesprochen, oder improvisiert ihr auf die Publikumsreaktionen?

Tim: In Liveshows sind die Interaktionsmöglichkeiten natürlich begrenzt. Man kann unsere Konzerte erzählerisch vielleicht am ehesten als „fixed points in time and space“ sehen, zwischen denen sich die Story in Episoden weiterentwickelt. Wir hatten auch noch nicht viel Gelegenheit das auszubauen: Das Projekt haben wir letzten November gestartet, seither dann corona-bedingt keine Show mehr spielen können.
Bei unserem nächsten Auftritt, der (hoffentlich) am 24.9.2020 im Viper Room stattfinden kann, gibt es aufgrund der aktuellen Vorschriften natürlich nur eingeschränkte Möglichkeiten. Aber wir haben auch schon einen Plan, wie das Ganze aussehen könnte, sobald es wieder möglich ist, Konzerte ohne Social Distancing zu spielen.

CF: Ihr hattet euer Bühnendebüt mit diesem „Stück“ am 23.11.19 im frei.raum. Wie ist der Auftritt gelaufen? Wart ihr mit dem Ablauf zufrieden?

Tim: Es ist wirklich top gelaufen. Begonnen hat unser Auftritt mit mysteriösen Videosequenzen. Dann ging die Leinwand hoch für ein episches Intro, die Instrumentalisten tauchten langsam aus dem dichten Nebel auf. Die Pausen zwischen den Songs waren geprägt von mysteriösen Ansagen meines Charakters, des „GrandMaesters“, untermalt von verstörenden Soundeffekten oder auch Ambient Sounds bis zum Vogelzwitschern. Benny Muhr hat uns dazu eine fantastische Lichtshow geliefert. Nach der letzten Nummer ist die Leinwand wieder runtergegangen für das Outro-Video. Als das Publikum dann den Saal verlassen hat, haben einzelne „Eingeweihte“ in wasteland-Outfits Visitenkarten mit rätselhaften Glyphen darauf verteilt.
Dadurch, dass die ganze Performance für die allermeisten Besucher vollkommen unerwartet kam, war wirklich die ganze Show über ein Wow-Effekt spürbar, so ein „WTF passiert hier eigentlich gerade?“. Genau das wollten wir erreichen.
Die Show ist auf jeden Fall nachhaltiger in den Köpfen unseres Publikums verankert geblieben als viele andere Auftritte, nach denen es – egal, wie gut du warst – nur heißt „Na passt, war geil, jetzt schau ma zum Walter.“ Im Underground waren wir dann natürlich trotzdem, aber auf einmal haben uns die Leute mit Fragen zum wasteland bestürmt, anstatt uns einfach auf die Schultern zu klopfen und dann wieder ihrer Wege zu gehen.

CF: Gibt es eine Band, die in ähnlicher Weise vorgeht? Gibt es da Erfahrungswerte?

Tim: Nicht, dass wir wüssten. Das macht die Sache so einzigartig und so spannend. Aber halt auch recht aufwändig zu erklären und zu verstehen.
Wir haben keine Ambitionen, dass das ganze Projekt irgendwann durch die Decke geht und wir mit einem Schlag „berühmt“ sind. Es geht im wasteland mehr darum, Teil von etwas zu sein, das in der Form noch nicht da war. Und sich kreativ zu verwirklichen.

CF: Die Corona-Sache hat das Projekt ja ziemlich eingebremst. Wie soll es im Herbst weitergehen?

Tim: Anfangs haben Lockdown, Kurzarbeit, und der daraus resultierende Freizeitüberschuss dem Projekt sogar gut getan. Unser Rollenspielsystem war recht schnell finalisiert. Aber auf längere Sicht ist es natürlich schwierig. Das Konzept lebt ja von der Interaktion – vom gemeinsamen Rollenspielen, von Videos mit mehreren Darstellern. Der Plan sah auch regelmäßige Community-Treffen und sonstige wasteland-Events vor.
Am Programm für Herbst steht jetzt einmal unsere Show im Viper Room, wo wir erstmals im wasteland entstandene Songs präsentieren. Parallel dazu arbeiten wir an mehr neuem Material. Dazu aktualisieren wir gerade unsere Website – wir versuchen in das ganze Projekt etwas mehr Struktur reinzubringen, damit es auch für Neueinsteiger schneller nachvollziehbar wird. Und wir wollen die Story in Rollenspielabenden und Blogeinträgen weitererzählen.

CF: Wollt ihr das Ergebnis des Projekts auf CD veröffentlichen? Wird es Videos dazu geben?

Tim: Ob wir noch einmal etwas auf CD veröffentlichen oder nur noch als Download, müssen wir noch entscheiden. Neue Songs aufnehmen und releasen wollen wir aber auf jeden Fall. Musikvideos wird es auch geben. Die sind für mich das, was früher Single-Auskoppelungen waren. Zur Zeit schneiden wir gerade eines für einen älteren Song (aus 2017), der von Text und Stimmung aber sehr gut ins wasteland passt.

CF: Konntet ihr mit dieser Idee an ein Label andocken? Habt ihr professionelle Unterstützung gefunden?

Tim: Nein. Wir haben es auch gar nicht versucht. Wir glauben, dass die Zeit der Labels vorbei ist, zumindest im Underground-Bereich. Mit Musik lässt sich kaum noch Geld verdienen, mit Metal schon gar nicht. Selbst die Musiker von Heaven Shall Burn – deren neues Album ja heuer in Deutschland auf Platz 1 der Charts war – können nicht von der Musik leben. Da kann man sich ausrechnen, was ein Label an einer kleinen Metalband verdienen kann. Und aus reinem Idealismus macht das kaum jemand mehr.

CF: Wer außer den Bandmitgliedern zählt noch zum harten Kern? Welche Aufgaben haben sie übernommen? 

Tim: Momentan halten wir bei rund 20 aktiven Spielerinnen und Spielern. Tatsächlich sind abgesehen von der Band die Frauen leicht in der Überzahl, was weder dem Rollenspieler- noch dem Metal-Klischee entspricht. Erklärbar ist das für mich nur durch die wasteland-Magie.
Die meisten unserer engen Freunde sind auf die eine oder andere Weise mit im Boot. Aber auch Menschen, zu denen wir vorher wenig oder gar keinen Kontakt hatten. Besonders freut mich, dass sich unser Projekt mittlerweile bis nach Norwegen, Schweden und Finnland verbreitet hat. Das rechtfertigt nachträglich auch die Entscheidung, alles auf Englisch umzusetzen. Auch wenn wir in Österreich natürlich auf Deutsch spielen.
Ein besonders engagierter Spieler ist mittlerweile quasi zum Co-Autor geworden. Ansonsten geht es vor allem darum, unsere Welt weiterzuentwickeln. Dabei kann und soll sich jeder auf genau jene Aspekte konzentrieren, bei denen er sich wohlfühlt – ob das „in-game“ die Erforschung von Heilkräutern, die Kartografie, die Konstruktion von improvisierten Waffen oder die Entwicklung komplexer Rituale ist. Oder „out-game“ gesprochen, ob jemand lieber schreibt, an Kostümen arbeitet, Videos schneidet oder „nur“ spielen will. Unsere Mottos sind „Do what you always wanted to do. But do it in wasteland2570.“ Und: „Create your own legend.“

CF: Vielen Dank Tim, dass du uns ins wasteland2570 eingeführt hast.

Nächste Auftritte:
24. September im Viper Room, Landstraßer Hauptstrasse 38, 1030 Wien
und 22. Oktober, ((szene) Wien, Hauffgasse 26, 1110 Wien

Werner Harauer
Folge mir

Schreibe etwas zu diesem Artikel

Werner Harauer
Magister Phil. (Publizistik, Kunstgeschichte), City-Flyer Gründer (1997) und Herausgeber. Im Brotberuf Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist und Grafiker, Vinyljunkie seit der Punk und Disco-Ära. Workaholic auf der Suche nach dem perfekten Popsong.

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.