Zdenka Becker – Es ist schon fast Halb Zwölf

 

 

 

 

 

 

 

 

Der neue Roman von Zdenka Becker erzählt berührend von dem Briefwechsel eines alten Ehepaars, dass in den Kriegsjahren voneinander getrennt war. Über Manches, was in dieser schweren Zeit passierte, wurde später nicht gesprochen. Doch Hilde möchte dieses dunkle Kapitel abschließen.

Hilde und Karl sind beide über 90 Jahre alt nicht mehr bei bester Gesundheit. Schon bald müssen sie ihr Haus in Fischbach verlassen und in ein Altersheim übersiedeln. Denn bei Karl nimmt die Demenz immer mehr zu.

Hilde plagen die Gedanken daran, was aus ihrem Haus werden wird und all den liebgewonnenen Dingen, die sie und Karl im Laufe ihres Lebens darin aufbewahrten. Plötzlich hat Hilde wieder die Erinnerung an ein tragisches Ereignis vor Augen und weiß, dass sie schnell handeln muss, bevor es zu spät ist. Sie bittet den Zivildiener Markus, der das Ehepaar unterstützt, ihr vom Dachboden eine Kiste zu bringen. In der Nacht, als Karl schon im Bett liegt, öffnet Hilde diese, wühlt sich aufgeregt durch Zeitungen und entnimmt der Kiste alte Briefe. Mit ihnen reist die alte Frau zurück in eine Zeit voll Hoffnung, Angst, Entbehrung und Tod.

Es sind Briefe von ihr und Karl, der ab Februar 1938 in Ludwigsfelde nahe Berlin bei Daimler-Benz Motoren Flugzeugmotoren baute (weil er in seiner Heimat NÖ keine Arbeit fand). Ab dem Sommer 1944 musste er in Mosbach in aufgelassenen Tunneln diese Arbeit verrichten. Das junge Glück der beiden Verliebten wird durch die Trennung und dem näher rückenden Krieg auf eine harte Probe gestellt. Sie erleben nur eine kurze, glückliche Zeit in Berlin, wo sie auch heiraten und ihre Tochter Trudi zur Welt kommt.

Als der Krieg seinem Höhepunkt zusteuert, kehrt Hilde mit dem Kind wieder zurück nach Fischbach. In der darauffolgenden Zeit ist es den beiden kaum mehr möglich, den jeweils anderen durch aufmunternde Worte zu beruhigen. Angst und Erschöpfung sind zu groß.

Nach dem Lesen der Briefe ist es Hilde ein großes Anliegen, ihrem Karl endlich von einem, fast 65 Jahre lang gehüteten Geheimnis zu erzählen. Zu ihren Zuhörer*innen werden jedoch Markus und seine Freundin Milli. Der Großvater der jungen Frau ist ebenfalls aus Fischbach und möchte eine Dorfchronik schreiben. Besonders angetan hat es ihm das Haus (und seine Geschichte) von Hilde und Karl. Daraufhin beginnen Milli und Markus im Internet zu recherchieren und in einem Gespräch erfahren sie von Hildes Geheimnis.

Zdenka Becker erzählt in ihrem neuen Roman sehr einfühlsam und spannend die traurig-schöne Geschichte zweier Liebender inmitten von Kriegswirren. Der Text wechselt zwischen der Vergangenheit in Briefform und der Gegenwart im Jahr 2008, wodurch ein schöner Spannungsbogen entsteht. Auch für dieses Werk hat die Literatin sorgfältig recherchiert und Originalschauplätze besucht. Inspiration für „Es ist schon fast Halb Zwölf“ waren alte Briefen von Zdenka Beckers Schwiegereltern, in deren Haus sie selbst schon lange lebt, die Handlung entspricht jedoch nicht der Realität.

Zdenka Becker – Es ist schon fast Halb Zwölf
Amalthea Verlag, 2022
256 Seiten | € 25,00

 

Claudia Zawadil
Folge mir
Letzte Artikel von Claudia Zawadil (Alle anzeigen)

Schreib etwas dazu

Claudia Zawadil
DI (FH); beim City-Flyer seit März 2002, schreibt Buchrezensionen und Ankündigungen und fotografiert gelegentlich bei diversen Events. Ebenso ist sie Radiomoderatorin (BlackXplosion), Arthouse Cinema-Fan und Vinyl-Lover.

City-Flyer – die Stadt bei Tag und Nacht Foren Zdenka Becker – Es ist schon fast Halb Zwölf

Ansicht von 0 Antwort-Themen
  • Autor
    Beiträge
    • #24706 Likes: 0
      miss_marple
      Verwalter
      3 Likes

      Wenn dir der Eintrag „Zdenka Becker – Es ist schon fast Halb Zwölf“ von miss_marple gefallen hat, gib ihm ein „Like“. Wenn du mehr über den Autor erfahren willst, so klicke auf sein Profil. Wenn du etwas ergänzen willst, LOG DICH EIN und schreib einen Kommentar.

Ansicht von 0 Antwort-Themen
  • Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.